13. KAPITEL
Sie mußten sich in Sicherheit bringen.
Als Xander, Cordelia, Angel und Willow in eine Gasse einbogen, wies Angel auf die Hintertür zu einem Lagerhaus, das direkt vor ihnen lag.
„Da hinein!" rief er atemlos.
Mit vereinten Kräften stemmten sie die Tür auf und stürzten hinein. Just in diesem Augenblick erschien Spike mit seinen Getreuen. Im letzten Moment schafften sie es, die Tür wieder zu schließen, dann schauten sie sich gehetzt nach etwas um, womit sie die Tür verbarrikadieren konnten. An einer Wand waren alte Kisten und kaputte Möbel aufgestapelt. Xander ging sofort daran, daraus eine Barrikade zu bauen. Währenddessen rief er Angel zu: „Sieh mal nach, ob es noch andere Eingänge gibt!"
Angel setzte sich in Bewegung. „Ihr bleibt hier!" bestimmte er und übergab Buffy an Cordelia.
Cordelia verdrehte die Augen, als Buffy ihr in die Arme fiel. „Super. Wieder diese Klammeräffchen-Nummer."
Die Barrikade schien ihre Feinde nicht abhalten zu können. Jemand rüttelte heftig an der Tür. Xander sprang erschrocken zurück. Widerliche Klauen, zu Fäusten geballt, schlugen durch das Holz und rissen es in Stücke.
Und wieder wurde die Tür gerüttelt. Dann glitt sie langsam aus den Angeln.
Die Barrikade flog in alle Richtungen. Xander und Angel brachten sich in Sicherheit und traten mit den anderen den Rückzug an.
Nun betrat Spike den Raum und lächelte seinen Getreuen triumphierend zu.
Auch Ethan Rayne lächelte, obgleich er mit blutüberströmtem Gesicht am Boden lag.
„Und du sagtest, ,Rupert der Ripper' wäre längst verschwunden?" neckte er Giles.
Giles stand über ihm. Er strahlte eine gefährliche, ja tödliche Ruhe aus.
Betont langsam wischte er seine Finger an einem weißen Taschentuch ab. „Wie kann ich den Zauber brechen?" fragte er wieder.
Ethan begann zu lachen. „Sag schön bitte, bit..." begann er, aber Giles trat ihm in die Seite, so daß er nach Luft schnappen mußte. „Janus!" stieß er schließlich atemlos hervor. „Schmeiß die Büste kaputt!"
Sofort ergriff Giles das Bildnis und schleuderte es gegen die Wand, wo es in tausend Stücke zerbrach. Dann wandte er sich wieder Ethan zu.
Lange, lange Zeit blickte Giles auf den Boden.
Er war allein im Raum.
Ethan war verschwunden.
Zur gleich Zeit, als Giles und Ethan ihr Rendezvous hatten, ergötzte sich Spike an der Hilflosigkeit seiner Opfer.
Angel und Xander wurden von seinen Anhängern festgehalten, und obwohl sie sich wehrten, konnten sie Buffy nicht mehr helfen.
„Schau dich nur an", murmelte Spike zärtlich. Er glitt auf Buffy zu, die entsetzt vor ihm zurückwich. Seine Bewegungen waren langsam und verstohlen, seine Miene von gespielter Freundlichkeit. Er sah, daß sie vor Angst geradezu gelähmt war, er sah die Verzweiflung in ihren Augen, die voller Tränen standen. Das erregte ihn - die Erregung des Jägers, der das Wild erlegt.
„Sie zittert", flüsterte er. „Sie fürchtet sich. Sie ist allein. Armes kleines Lämmchen."
Spike lächelte. Dann versetzte er ihr einen brutalen Hieb ins Gesicht.
„Ich liebe das", sagte er.
„Buffy!" Angel versuchte seine Bewacher abzuschütteln, aber sie hielten ihn nur noch fester. Hilflos sah er zu, wie Spike Buffys Kopf mit der einen und ihren Arm mit der anderen Hand packte, wie er sie langsam nach hinten bog, wie er sich zu ihrem Hals herabbeugte.
Buffy schluchzte nur noch leise. Spikes Reißzähne blitzten im trüben Licht. ..
Da riß Xander sich los. Bevor ihn jemand aufhalten konnte, schnappte er sich das Gewehr und sprang auf die Beine. Cordelia und Willow stellten sich hinter ihn.
„Also den da", Willow zeigte auf Spike, „den darfst du erschießen!"
Xander hob das Gewehr. Er zielte auf Spike, spannte und betätigte den Abzug.
Nichts geschah.
Xander betrachtete seine Waffe. Sie war nur noch ein Spielzeuggewehr - ein kleines Gewehr aus Plastik.
Sein Mund klappte auf. „Was zum Teufel bedeutet das?"
Im ganzen Raum war eine Veränderung vorgegangen: Spikes Getreue waren nun nicht länger gräßliche Dämonen, sondern eine bunte Mischung verängstigter High School-Schüler und kleinerer Kinder. Spike sah sie verblüfft an, und während ihm langsam eine Erkenntnis dämmerte, blickte er auf seine eigene Hand.
Er hielt immer noch Buffys Perücke fest.
Nur Buffys Kopf war nicht mehr drin.
Er blickte auf. Geradewegs in Buffys lächelndes Gesicht.
„Hi, Honey", grüßte sie ihn. „Bin wieder zu Hause."
Spike hatte nicht die geringste Chance. Buffy hatte während der vergangenen Stunden, in denen sie so hilflos gewesen war, eine unglaubliche Wut aufgestaut, die sie nun in einer Reihe besonders gefährlicher Tritte und Hiebe an ihm ausließ.
Spike ging mit ausgestreckten Armen und Beinen zu Boden. Doch Buffy riß ihn wie der hoch.
„Weißt du was?" sagte sie fröhlich. „Ich freue mich, wieder ich selbst zu sein."
Erneut setzte sie ihm hart zu und schleuderte ihn krachend gegen die Wand. Spike griff nach einer Eisenstange und versuchte, sich damit zur Wehr zu setzen, aber Buffy entwand ihm die Waffe. Nachdem sie ihn noch einmal malträtiert hatte, trat sie einen Schritt zurück und sah ruhig zu, wie er wieder zu Boden ging.
Nach ein paar Sekunden kam er torkelnd auf die Füße und taumelte davon.
Endlich kehrte Ruhe ein, die nur von dem furchtsamen Weinen einiger verängstigter Kinder gestört wurde. Xander, Cordelia und Angel scharten sich um Buffy.
„Hey, Buff", sagte Xander. „Willkommen daheim."
Buffy grinste ihn an. „Ja. Ebenso.”
„Wißt ihr denn, was passiert ist?” Cordelia starrte sie ungläubig an.
„Es war irgendwie unheimlich.” Xander runzelte die Stirn. „Als ob ich da war, aber irgendwie nicht rauskönnte.”
Cordelia nickte heftig und wandte sich an Angel. „Das Gefühl kenne ich. Dieses Kostüm ist auch so eng.”
Aber sie merkte, daß Angel ihr gar nicht zuhörte. Er war ganz auf Buffy konzentriert.
„Geht's dir gut?” fragte er sie leise.
Buffy blickte ihm tief in die Augen - in diese dunklen Augen, die sie so sehr liebte -, und sie las darin die Sorge, die er um sie gehabt hatte, die Erleichterung und die Anteilnahme.
„Ja”, grinste sie.
Er nahm ihren Arm und führte sie nach draußen. Cordelia und Xander sahen ihnen nach.
„Hallo?” Ungläubig sah Cordelia Xander an. „Es hat sich so angefühlt, als hätte ich was gesagt. Meine Lippen haben sich bewegt..."
„Gib's auf, Cordy”, riet Xander ihr. „Du wirst dich nie zwischen die beiden stellen können. Glaub mir - ich weiß es.”
Cordelia dachte einen Moment nach. Dann wandte sie sich den Kindern zu. „Ich schätze, wir sollten sie nach Hause zu ihren Eltern bringen.”
„Ja. Es sieht so aus, als ob jeder...” begann Xander, dann brach er ab und ließ seinen Blick suchend durch den Raum schweifen. „Wo ist Willow?”
Plötzlich wurde ihm klar, daß er nicht mitbekommen hatte, wie sie weggegangen war. Daß er sie überhaupt nicht mehr gesehen hatte, seit der Zauber gebrochen war.
Willow wußte auch nicht genau, was passiert war. Eben noch war sie mit den anderen im Lagerhaus gewesen, und nun erwachte sie auf Mrs. Parkers Veranda aus tiefster Bewußtlosigkeit - und zwar unter einem Bettlaken.
Benommen schob sie das Kostüm beiseite. Sie brauchte ein paar Sekunden, um wieder klar zu werden und auf die Beine zu kommen. Immerhin lebte sie und war unversehrt.
Willow blickte das Laken an und machte Anstalten, es über den Kopf zu ziehen. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Mit einer Kühnheit, die man noch nie an ihr gesehen hatte, warf sie das Laken ab und spazierte durch den Vorgarten davon.
Als sie die Straße überquerte, hielt an der Kreuzung ein kleiner Lieferwagen. Willow ging hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei. So bemerkte sie nicht, daß Oz hinterm Steuer saß und jede ihrer Bewegungen beobachtete.
Er war völlig hingerissen.
Während er der selbstsicheren Rockerbraut nachsah, die aus dem Lichtkegel der Scheinwerfer verschwand, hellte ein Lächeln sein Gesicht auf.
„Wer ist denn dieses Mädel?" murmelte er.
EPILOG
Buffy kam aus dem Bad. In bequemen Jogginghosen und Tank-top war sie wieder ganz sie selbst. Sie blieb einen Augenblick in der Tür stehen. Das Gesicht hatte sie gründlich gewaschen und das Haar so lange gebürstet, bis es glatt um ihren Kopf fiel.
Im Zimmer war es dunkel. Das einzige Licht strahlte aus dem Bad hinter ihr und beleuchtete schwach die Gestalt auf ihrem Bett. Angel hatte tief in Gedanken versunken dagelegen, blickte nun aber besorgt zu ihr auf.
„Tä-tä." Buffy salutierte. „Ich bin wieder Ich aus dem 20. Jahrhundert."
Sie ging durchs Zimmer und setzte sich neben ihn.
Forschend blickte Angel in ihr Gesicht. „Bist du sicher, daß es dir gut geht?" erkundigte er sich.
„Ich werd's überleben."
Er zögerte einen Moment. Fast hätte er sie heute nacht verloren, und nun kämpfte er gegen den Drang, sie in seine Arme zu ziehen und nie mehr loszulassen.
„Ich verstehe es nicht, Buffy", sagte er schließlich. „Warum hast du geglaubt, du würdest mir in dem Kleid besser gefallen?"
Buffy schlug die Augen nieder. Wie konnte sie ihm jemals erklären, daß es ihr wichtig erschienen war, zu erfahren, wie sein Leben damals gewesen war - wie es war, eine ganz normale junge Frau zu sein, eine Frau von der Art, wie Angel sie vielleicht geliebt hatte . . .
Aber sie ahnte, daß es noch tiefer ging: Sie hatte auch verstehen wollen, wer Angel wirklich war, sie hatte Einsicht gewinnen wollen in den Menschen von einst. Und sie hatte - jetzt, heute - nach einem Platz in seinem Herzen gestrebt.
Langsam hob sie die Augen wieder. Er sah sie so intensiv an, daß sie sich in die dunklen Tiefen seines Blicks hineingezogen fühlte.
„Ich - ich wollte doch nur einmal ein richtiges Mädchen sein.” Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. „So ein tolles Mädchen, wie du es mochtest, als du so alt warst wie ich.”
Für mich, dachte Angel, du hast dich beinahe für mich geopfert.
Zu Buffys Erstaunen lachte er leise auf und schüttelte den Kopf.
„Was ist?” fragte sie, ein biß chen verärgert über seine Reaktion.
„Ich habe diese Mädchen damals gehaßt”, gestand er. „Besonders die Adeligen.”
Buffy schaute ihn zweifelnd an. „Ehrlich?”
„Sie waren einfach furchtbar langweilig. Heulsusen, eine wie die andere. Ich hatte mir immer gewünscht, einmal jemand . .. Aufregenden kennenzulernen.”
Ein flüchtiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er beugte sich zu Buffy vor. „Jemand, der interessant ist”, fügte er hinzu.
„Ach, wirklich?” Sie spürte ein warmes Glühen, das sie wie eine Welle durchfuhr. Ihr Herz schlug schneller. „Interessant. Und - in welcher Art?”
Sein Lächeln wurde breiter. Er wußte, daß sie ihn necken wollte, und er war nur allzu willig, mitzuspielen.
„Du weißt, in welcher Art!” schimpfte er zärtlich.
Er beugte sich noch weiter vor. Fast berührten sich ihre Lippen, und Buffy spürte den leisen Hauch seines Atems auf ihrer Wange.
„Trotzdem”, seufzte sie unschuldig, „ich hatte einen harten Tag, und du solltest es mir erklären.”
„Sollte ich?” neckte Angel.
„Aber ja...”
Und als seine Lippen die ihren trafen, gab sich Buffy seinem langen, leidenschaftlichen Kuß hin.
Am Morgen nach Halloween stand Giles in Ethan's Costume Shop.
Es war, als habe der Laden nie existiert.
Leere Kartons, ausgeräumte Regale, umgeworfene Schaufensterpuppen - nichts kündete davon, daß hier noch vor kurzem ein florierender Handel betrieben worden war.
Langsam wanderte Giles durch den Raum. Seine Miene war nachdenklich. Unheimlich hallten seine Schritte auf dem Boden.
Und dann erregte etwas seine Aufmerksamkeit.
Da - genau vor ihm - klebte eine kleine Karte an einem leeren Schaukasten.
Giles riß sie ab.
Er starrte auf die handschriftliche Nachricht, auf die drei Worte in kühnen schwarzen Buchstaben.
Wir sehen uns.
Seinem Gesicht war nichts anzumerken, als er wie der aufblickte. Aber sein Blick war kalt und hart geworden.
DIE ZWEITE CHRONIK:
WAS WILL ICH EINMAL WERDEN?
Teil 1 und 2
PROLOG
Nun, da Halloween vorbei war, versuchte Buffy, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.
Wieder einmal war Sunnydale vor der Katastrophe gerettet worden. Buffy war klargeworden, daß sie es doch vorzog, sie selber zu sein und nicht so ein hilfloses Weibchen. Darin fühlte sie sich bestärkt durch die Liebe, die Angel ihr entgegenbrachte - seine Zärtlichkeit, den Blick seiner Augen, seine Küsse in jener Nacht. Sie wollte so gern glauben, daß ihre Liebe alle Hindernisse überwinden konnte, daß ihr Leben so erfüllt sein würde wie das jeder normalen jungen Frau.
Und doch - im Innersten war Buffy nicht davon überzeugt.
Während der ,Berufsmesse', einer Orientierungswoche an der Sunnydale High, wurde sie auf schmerzliche Weise daran erinnert, daß sie eben nicht wie die anderen war - und nie sein würde.
An diesem Tag saß sie mit Xander im Aufenthaltsraum der Schule und stierte trübsinnig auf ihren Fragebogen. An den Wänden hingen Spruchbänder, auf denen die Schüler daran erinnert wurden, daß die Berufsmesse am nächsten Tag startete. Hinter einem Tisch auf der anderen Seite des Raumes thronte der von der Schule bestellte Tutor; vor ihm prangte ein Schild, auf dem ,Berufs- und Eignungstest' stand.
Als Buffy aufblickte, sah sie Willow hereinkommen. Sie schnappte sich einen Fragebogen und kam zu ihrem Tisch.
„Sind Sie ein Mensch, der gern mit anderen Menschen umgeht, oder sind Sie lieber für sich allein?" las Xander feierlich vor. Stirnrunzelnd dachte er nach. „Was ist, wenn ich zwar so ein Menschenfreund bin, in Ermangelung anderer aber manchmal allein sein muß?"
„Dann kreuze keins von beiden an", riet Buffy.
„Es gibt aber kein Kästchen, um nichts anzukreuzen. Das hieße ja, zu viele Variablen in die quarkköpfige, nummernzählende kleine Welt dieser Erhebungsspezialisten einzuführen."
Willow lächelte Xander aufmunternd an. „Höre ich da Ironie?"
„Ich finde bloß, daß diese Leute doch nicht von einem lumpigen Multiple Choice-Test ablesen können, was wir für den Rest unseres Lebens machen sollen", murrte Xander. „Das ist einfach lächerlich."
Willow riß die Augen weit auf. „Ich bin schon irgendwie neugierig, was ich einmal werde."
„Und willst du dafür die ganze Spontaneität deiner Jugend verlieren? Da möcht ich's doch lieber nicht wissen."
„Wir werden nicht immer jung sein", gab Willow zu bedenken.
„Ich werde immer dumm sein", gab Xander zurück. Und als niemand etwas dagegen sagte: „Okay, ihr braucht ja nicht gleich ,Nein!' zu schreien ..."
Die drei blickten auf, als sie Cordelias Stimme vernahmen. Die segelte geradewegs auf sie zu, hielt ihren Fragebogen in der Hand und hatte wie üblich einen Schwärm Bewunderer hinter sich.
„Ich bemühe mich, meinen Mitmenschen zu helfen", las sie laut vor. „Richtig."
Sie kreuzte entschlossen ein Kästchen an. Dann neigte sie den Kopf zur Seite und zog die Nase kraus.
„Ich meine, solange sie nicht schmutzig oder stinkig oder sonstwie kraß sind."
„Cordelia Chase", seufzte Xander. „Immer bereit, ihre helfende Hand den Reichen und Schönen zu reichen."
Cordelia betrachtete ihn mit frostigem Lächeln. „Und das schließt dich schon zweimal aus!"
Sie entfernte sich wieder. Ihr Gefolge kicherte beifällig. Xander schickte ihr einen vernichtenden Blick hinterher.
„Ist Mord eigentlich immer ein Verbrechen?" erkundigte er sich hoffnungsvoll.
Buffy studierte die Fragen auf ihrem Bogen. Dann blickte sie auf. „Mag ich Büsche und Sträucher?"
„Das mußt du schon mit deinem Schöpfer abklären", meinte Xander.
„Was würdest du ankreuzen?" fragte Buffy Willow und verrenkte sich den Hals, um deren Fragebogen einzusehen.
„Ich habe die Büsche angekreuzt."
„Die Büsche", stimmte Buffy zu und ließ sich auf ihren Stuhl zurückfallen. „Okay." Stirnrunzelnd legte sie ihren Stift hin. „Ich sollte mich wirklich nicht mit so was abplagen. Diese Fragen erscheinen mir äußerst fragwürdig.
Völlig egal, was bei meinem Eignungstest herauskommt - ich kenne meinen Job schon."
„Jawohl", nickte Xander. „Höchstrisiko, Unterbezahlung ..."
Buffy hielt ihm ihren Bleistift vor die Brust. „Spitze Holzdinger."
„Warum machst du dann überhaupt den Test?" wollte Willow wissen.
„Wegen Rektor Snyders .Reifenhüpfwoche'", gab Buffy trocken zurück. „Er wird keine Ruhe geben, bis ich nicht gesprungen bin. Glaub mir, sonst wäre ich gar nicht hier."
„Bist du denn kein bißchen neugierig, was du hättest werden können?" fiel Willow ihr ins Wort. „Ich meine, wenn du nicht die Jägerin wärst."
„Haben die Worte ,besiegelt' und ,Schicksal' irgendeinen Sinn für dich, Will?" schnauzte Buffy. „Also, warum dann der ganze Zirkus?"
Sie hielt jäh inne, erschrocken darüber, daß sie sich so hatte gehen lassen. Willow sah verletzt aus.
„Weißt du", meinte Xander, „mit dieser Haltung hast du gute Aussichten auf eine Karriere beim Straßenverkehrsamt."
Buffy nickte. Sie wand sich
verlegen unter seinem vorwurfsvollen Blick. „Es tut mir leid.
Nur - bevor die Hölle nicht gefriert und jeder einzelne Vampir in
Sunnydale in den vorgezogenen Ruhestand geht, würde ich meine
Zukunft als nichtexistent bezeichnen."
Die Frage nach Drusillas Zukunft lastete schwer auf Spike - er konnte in langen, quälenden Nächten kaum an etwas anderes denken.
Im Augenblick stand Drusilla am einen Ende des langen Eßtisches und legte ihre geliebten Tarotkarten, während Spike unruhig am anderen Ende auf- und abging. In der Hand hielt er ein lateinisch-englisches Wörterbuch. Er hatte Dalton befohlen, sich an diesem Abend zu ihnen zu setzen. Unter Spikes zahlreichen Getreuen war Dalton derjenige mit den besten Manieren -und der einzige in dem ganzen Haufen, der ein bißchen Bildung besaß. Und während Spike unablässig den Raum durchmaß, brütete Dalton über dem Manuskript, das vor ihm auf dem Tisch lag.
„Lies es noch einmal”, befahl Spike.
Dalton zögerte, während er die Brille über seiner häßlichen Vampirnase zurechtrückte. „Ich bin mir nicht sicher... es könnte so etwas wie Deprimere ille bubula Unter heißen.”
Rasch blätterte Spike im Wörterbuch. Er fand die richtige Seite und las langsam vor: „Erniedrige das Rindfleisch ... du Schwachkopf!” Spike schlug ihm mit dem Buch auf den Kopf. „Warum hört sich das für mich nicht richtig an?” verlangte er zu wissen.
Summend wandte sich Drusilla ihnen zu. In ihrem feinen weißen Kleid und dem schwarzen Spitzenschal wirkte sie noch blasser als sonst. Sie wiegte sich hin und her und breitete ihre Arme aus . . .
„Spike! Komm, tanz mit mir.”
„Laß uns mal ein bißchen in Ruhe, ja?” rief Spike ärgerlich. „Siehst du nicht, daß ich arbeite?”
Im selben Augenblick bereute er es schon. Er sah an Drusillas Blick, wie verletzt sie war. Ihre Unterlippe zitterte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Es tut mir leid, Küken.” Reuevoll ging Spike zu ihr. „Es ist nur so, daß das Heilmittel für dich wahrscheinlich in diesem Manuskript steht. Aber es liest sich wie Kauderwelsch.”
Drusilla, die immer noch schmollte, wandte sich ab. Spike versuchte sie zu besänftigen.
„Ich bin selber völlig ratlos”, erklärte er. „Latein habe ich nie kapiert. Sogar Dalton, dieses Superhirn, wird daraus nicht schlau.”
Spike konnte es kaum noch ertragen, Drusilla so verletzt zu sehen, wo sie doch sowieso schon krank war. Flehend blickte er sie an, aber sie wandte sich wieder von ihm ab.
„Ich - ich muß Miss Edith umziehen ...”
Urplötzlich wurde Drusilla schwindelig, sie mußte sich an der Tischkante festhalten. Spike eilte ihr zu Hilfe.
Sie war kaum mehr als ein Geist. Als er sie vorsichtig zu einem Stuhl führte, löste sich ihr Schal und enthüllte die dunklen, häßlichen Blutergüsse unter der fast durchsichtigen Haut ihrer Arme.
Spike wandte den Blick ab. Er fühlte, wie Verzweiflung ihn übermannte - abgrundtiefe Hilflosigkeit, die seinem Wesen sonst fremd war. Er kniete neben Drusilla nieder.
„Vergib mir." Seine Stimme brach, den Tränen nahe. „Du weißt doch, daß ich es nicht ertrage, dich so zu sehen." Seine Machtlosigkeit brachte ihn schier zur Verzweiflung. „Aber die Zeit läuft uns davon. Diese verdammte Jägerin! Immer wenn sich unsere Wege kreuzen, vermasselt sie mir alle Pläne!"
„Schhhhh", machte Drusilla. Sie lenkte ein, als sie seinen Schmerz sah; zärtlich ergriff sie sein Kinn und hob es hoch. „Beruhige dich. Du wirst es schon richtig machen. Ich weiß es."
Das war der Segensspruch, auf den Spike gewartet hatte. Dankbar nahm er Drusillas Hand und küßte sie. Dann richtete er sich gestärkt auf und nahm Dalton wieder unter Beschuß.
„Was ist nun? Mach voran. Erleuchte meinen Geist."
Dalton nickte nervös, während seine Finger über die Seiten des Manuskripts strichen. „Es sieht aus wie Latein, aber es ist kein Latein. Ich bin nicht einmal sicher, daß es eine Sprache ist. Jedenfalls keine, die ich entziffern kann ... "
„Dann mach eine Sprache daraus!" brüllte Spike und ging drohend auf ihn zu. „So nennt man das doch, oder? Transkribieren?"
„Nicht - nicht ganz."
Spike packte Dalton. Mit einer Hand hob er ihn hoch. Dalton versuchte sich vor dem Schlag zu schützen, der da kommen mußte.
„Ich will dieses Heilmittel!" zischte Spike.
Am anderen Ende des Tisches legte Drusilla von neuem die Karten. Als Spike Dalton gerade einen vernichtenden Schlag versetzen wollte, hob sie eine Hand.
„Laß ihn!"
„Warum denn?" fauchte Spike. „Manche finden Schmerzen" - er boxte Dalton brutal in den Magen, so daß er zu Boden ging - „sehr motivierend."
Bevor Dalton Luft schöpfen konnte, hatte Spike ihn schon wieder am Kragen gepackt.
„Er kann dir nicht helfen", beharrte Drusilla. „Nicht ohne den Schlüssel!"
Spike hielt mitten in der Bewegung inne. Sehr langsam drehte er sich zu ihr um.
„Der Schlüssel? Du meinst, das Buch ist in so einer Art Code geschrieben?"
Drusilla nickte. Spike ließ Dalton achtlos fallen und ging zu ihr hinüber. Mit feierlichem Blick drehte sie die nächste Karte um.
Darauf war der Kupferstich einer verfallenen Gruft abgebildet. Eine mit Efeu überwucherte Gruft, die majestätisch auf einem Feld schiefer Grabsteine vermoderte.
„Sollen wir dort diesen Schlüssel finden?" murmelte Spike.
Wieder nickte Drusilla. Langsam breitete sich ein zufriedenes Grinsen auf Spikes Zügen aus.
„Ich schicke sofort die Jungs hin", versprach er.
Drusillas Augen leuchteten vor Freude. „Willst du jetzt tanzen?"
„Ja, ich tanze mit dir, mein Schätzchen." Spike lachte. „Auf dem Grab der Jägerin."
Er nahm sie in die Arme. Und während Dalton furchtsam zusah, wirbelte Spike seine geliebte Drusilla im Kreis herum . . . zu einer Musik, die nur sie hören konnte.